Antrag zum 59. Bundeskongress

Antrag 311

59. Bundeskongress vom 11. bis 13. Oktober in Oldenburg

Antragsteller: LV NRW


Status: [  ] angenommen [  ] nicht angenommen [  ] verwiesen an: ___________________________

Der 59. Bundeskongress möge beschließen:

1MOBBING – NEIN DANKE!

2Rund jeder sechste 15-jährige Schüler in Deutschland wird laut einer PISA-Studie regelmäßig

3Opfer von Mobbing im Schulalltag. Wenn es um Mobbing in der digitalen Welt geht, sehen die
4Zahlen sogar noch dramatischer aus. Zugleich ist es aber durch aus schwierig, präzise zu
5definieren, was Mobbing überhaupt ist, wo es anfängt, wo es aufhört. Jedes Individuum nimmt
6Mobbing unterschiedlich wahr. Ganz unabhängig von Debatten, ob es sich in Einzelfällen um
7Mobbing handelt oder nicht, stellen Junge Liberale fest, dass Mobbing insbesondere für junge
8Menschen eine große Hürde im Schulalltag, in der persönlichen Entwicklung und in der freien
9Entfaltung ist. Die Jungen Liberalen wollen sich dieser Herausforderung stellen und Mobbing
10nicht weiter zum politischen Tabuthema machen. Auch wenn es schwierig und in vielen Fällen
11auch nicht notwendig ist, gesellschaftliche Phänomene und Verhalten im sozialen Umgang
12miteinander politisch zu regulieren, ist das Thema des Mobbings zu wichtig, um es politisch zu
13ignorieren. Wir erwarten nicht, dass Politik das Problem alleine löst, aber wir wollen durch
14politische Maßnahmen zu mehr Verständnis, mehr Toleranz und zu mehr Solidarität in unserer
15Gesellschaft aufrufen. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der sich Menschen gegenseitig
16respektieren und Individuen frei entfalten können. Unser Ziel ist eine liberale Gesellschaft, die
17Menschen nicht einschränkt und sich nicht einschränken lässt. Wir wollen nicht nur, dass
18Menschen keine Täter werden oder bleiben, sondern wollen ebenso Opfern das nötige Wissen
19vermitteln, wie im Falle von Mobbing mit diesem umgegangen werden sollte. Wir wollen Opfer
20dazu befähigen, sich gegen Mobbing zur Wehr zu setzen, damit wir nicht nur in einer offenen,
21sondern auch in einer wehrhaften Gesellschaft leben. Mobbing ist eine starke Einschränkung und
22somit eine große Gefahr für eine liberale Gesellschaft. Wir wollen insbesondere Mobbing im
23Schulalltag den Kampf ansagen. Schülerinnen und Schüler sollen in der Schule bewusst auf das
24Thema aufmerksam gemacht werden. Gleichzeitig ist klar, dass auch Lehrkräfte bei der
25Beendigung und Vermeidung von Mobbingfällen Verantwortung übernehmen müssen.
26Deswegen fordern wir:

  • 27In allen Bundesländern sollen Präventionsschulungen und ein geeigneter Umgang mit
    28Mobbing, sowie auch ganz allgemein jegliche Formen der körperlichen und sexuellen
    29Gewalt verstärkt zum festen Bestandteil des Referendariats gemacht werden. In der
    30Lehrerausbildung müssen auch rechtliche Informationen vermittelt werden, damit
    31Lehrkräfte über Möglichkeiten und Konsequenzen aufgeklärt sind.
  • 32Es soll regelmäßig Fort- und Weiterbildungen für Lehrkräfte geben, die sich zum
    33Mobbing- und Konfliktberater ausbilden lassen können.
  • 34In jedem Schuljahr soll im ganzen Bundesgebiet eine anonyme Fragebogenerhebung
    35stattfinden. Dabei soll nicht nur erfasst werden, wie Mobbing momentan im Schulalltag
    36verankert ist, sondern auf die Erhebung soll auch im Unterricht sowie auf Elternabenden
    37eingegangen und so ein stärkeres Problembewusstsein erzeugt werden. Ferner sollen
    38die Daten bundesweit ausgewertet und ein jährlicher Mobbingbericht veröffentlicht
    39werden.
  • 40Wir fordern, dass ausreichend Stellen für Schulsozialarbeiter an Schulen geschaffen
    41werden. Schulsozialarbeit ist zu einem unverzichtbaren Angebot geworden. Deswegen
    42darf keine Schule mehr ohne mindestens eine Fachkraft für Schulsozialarbeit aufgestellt
    43sein. Eine qualitativ hochwertige Schulsozialarbeit kann Mobbing verhindern, entlastet
    44Lehrkräfte und erhöht den Standard unserer Schulen deutlich. Keine Schule soll aber
    45deswegen auch nur eine Lehrkraft weniger einstellen müssen. Bis zum Jahr 2021 soll der
    46Bund wieder die Finanzierung für das Bildungs- und Teilhabepaket übernehmen oder
    47eine wesentliche Entlastung bereitstellen. Mittelfristig fordern wir, dass sich die Zahl der
    48Schulsozialarbeiter an Größe und Sozialindex der jeweiligen Schule ausrichten muss.
  • 49Schulsozialarbeit braucht ebenfalls feste und hohe Mindeststandards. Sie muss durch gut
    50ausgebildete Fachkräfte erfolgen, die eine abgeschlossene Hochschulausbildung für
    51soziale Arbeit oder Sozialpädagogik oder eine gleichwertige Ausbildung genossen haben.
    52Ebenfalls braucht es auch hier ein regelmäßiges und aktuelles Angebot an Fort- und
    53Weiterbildungen.
  • 54Die Länder sollen Schulträger unterstützen, an jeder Schule geschützte und geeignete
    55Räumlichkeiten für die Schulsozialarbeit zur Verfügung stellen zu können.
  • 56Darüber hinaus soll es regelmäßig bundesweite Auszeichnungen für Wettbewerbe
    57geben, bei denen Schulen und Klassen für den Einsatz gegen Mobbing und für
    58gegenseitigen Respekt und Zivilcourage ausgezeichnet werden.
  • 59Keine Seltenheit sind auch Fälle, in denen Lehrkräfte Schülerinnen oder Schüler mobben
    60oder selbst Opfer von Mobbing werden. Auch solche Zustände, in denen Lehrkräfte
    61unmittelbar beteiligt sind, sollen nicht tabuisiert werden. Die Lehrerschaft, Schulleitungen
    62und Behörden müssen Beschwerden konsequent nachgehen. Rechtliche Möglichkeiten
    63und Sanktionen sind bereits gegeben. Sie müssen nur entsprechend angewandt werden.

64Die Aufarbeitung von Mobbing durch einen Lehrkörper stößt unabhängig von seiner Schulung in

65dem Bereich bei Tätern und Opfern oft auf ihre Grenzen. Stehen hingegen ausgebildete
66Schülerinnen und Schüler höherer Klassen bereit, können diese mit den Betroffenen eine
67Evaluation ihres Verhaltens aus authentischer Schülerperspektive durchführen. Dabei ist wichtig,
68dass die Grundpfeiler der Mediation, nämlich die Versöhnung, Wiedergutmachung und die
69Zusammenarbeit Ziele dessen sind. Wir sehen die Streitschlichtung durch Schülerinnen und
70Schüler als geeignetes Instrument, Mobbingfälle sinnvoll und nachhaltig aufzuarbeiten. Dadurch
71senken wir die natürlichen Hemmschwellen hinsichtlich Ehrlichkeit und dem Eingestehen von
72Fehlern, die Schülerinnen und Schüler Lehrern gegenüber haben. Außerdem wird dadurch die
73Schulgemeinschaft gestärkt. Deshalb fordern wir:

74• Die Ausbildung von Streitschlichtern an Schulen und in der Schülerschaft soll stärker beworben

75werden, damit Mobbing aus der Schülerschaft heraus bekämpft werden kann.

76• Die Streitschlichtung soll an weiterführenden Schulen Teil der Schulsozialarbeit werden, wozu

77vom Schulträger gestellte, zusätzliche Räumlichkeiten notwendig sind.

78• Streitschlichtungsprogramme sollen auch überschulisch in einer Kommune eingerichtet

79werden, um Ressourcen zu kanalisieren und den Austausch zu fördern.

80• Die Bildungsministerien sollen ein Schulungssystem zur Verfügung stellen, damit an allen

81Schulen eine vergleichbare Qualität angeboten werden kann.

82Mit dem Aufstieg von Sozialen Netzwerken und Kommunikation über das Internet hat sich

83Mobbing in den letzten Jahren auch immer stärker in den digitalen Raum verlagert. Für Junge
84Liberale ist es deswegen besonders wichtig, dass auch Maßnahmen gegen Cybermobbing
85ergriffen werden. Wir fordern daher:

  • 86Polizei und Justiz müssen im Umgang mit Fällen von Cybermobbing sensibilisiert und
    87spezialisiert werden. Entsprechende Inhalte im Netz sind ein Fall für Justizbehörden.
    88Über mögliche Straftatbestände sollten nicht Unternehmen entscheiden. Deswegen
    89lehnen wir Maßnahmen wie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz entschieden ab. Vielmehr
    90fordern wir Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Cybermobbing, die mit angemessener
    91technischer Ausstattung konsequent Fälle verfolgen.
  • 92Handyverbote in Schulen sind keine Lösung. Allerdings ist es dann nur konsequent,
    93Schülerinnen und Schülern verbindliche Verhaltensregeln zum Umgang mit Handys und
    94der Internetnutzung in Schulalltag und Unterricht auf den Weg zu geben. Zu Beginn eines
    95Schuljahres bietet sich deshalb bei Bedarf für jede Klasse eine Einführungsstunde in die
    96Nutzung der technischen und digitalen Möglichkeiten des jeweiligen Schulbetriebs an.
    97Dabei sollen nicht nur Geräte und Software vorgestellt werden, die für das Schuljahr
    98wichtig sind, sondern auch dem Alter entsprechend über Gefahren, Risiken aber auch
    99Nutzen und Chancen der digitalen Welt informiert werden.
  • 100Zur Prävention von Cybermobbing ist entsprechendes Wissen über die Nutzung neuer
    101Medien notwendig. Medienkompetenz ist für uns allerdings kein eigenes Schulfach,
    102sondern eine Kompetenz, die in allen Schulfächern erlernt werden muss. Cybermobbing
    103findet in erster Linie in Sozialen Netzwerken statt. Deswegen braucht es in diesem Fall
    104eine klare Zuteilung in den Lehrplänen, in welchen Fächern, wann und in welcher Form
    105über Soziale Netzwerke und digitale Kommunikation aufgeklärt wird.
  • 106Insbesondere beim Thema Cybermobbing setzen wir auf das Prinzip der Peer Education.
    107Dabei werden Schülerinnen und Schüler in dem Bereich geschult, treten als Experten auf
    108und geben ihr Wissen an Mitschülerinnen und Mitschüler weiter.

109Die Jungen Liberalen rufen alle Schülerinnen und Schüler, alle Lehrkräfte und Eltern auf, das

110Thema Mobbing bewusster wahrzunehmen, eigene Handlungen im zwischenmenschlichen
111Umgang auch einmal zu hinterfragen und den gegenseitigen Respekt zwischen Menschen zu
112stärken. Eine liberale Gesellschaft braucht nicht nur freie, sondern auch verantwortungsvolle
113Individuen. Mobbing lässt sich nicht ausschließlich mit staatlichen Maßnahmen beseitigen. Es
114werden ein zivilgesellschaftlicher Wille und mehr Zivilcourage notwendig sein. Deswegen danken
115und unterstützen wir Initiativen wie "Stoppt Mobbing" und zahlreiche andere, wertvolle
116Kampagnen, die dieses wichtige Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven aufarbeiten.


Achtung: Die Darstellung des gezeigten Antrags erfolgt als reine Vorschau. Verbindlich ist der Antragstext im offiziellen Antragsbuch zum 59. Bundeskongress vom 11. bis 13. Oktober in Oldenburg.